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Berry (wie für mich alles begann)        

Im Jahr 1974 wohnte am Bremer Stadtrand, im Stadtteil Kattenesch, eine junge Familie mit einem achtjährigen Sohn in einem gemieteten Reihenhaus. Der Wunsch nach einem Haustier beschäftigte den Jungen schon länger, vielleicht ein Meerschweinchen, oder etwas ähnliches…? Was auch immer das damalige Schicksal beeinflusste, eines Tages war ein braunes Etwas da, ein kleines, junges Wesen, das den Namen "Berry" trug.

Ein kleiner Hund, ein Boxer, von einem Züchter aus dem Bremer Umland, zog bei dieser Familie ein und wurde Teil des turbulenten Alltags. Berry wurde Freund und Spielgefährte des Jungen, zur eigentlichen Bezugsperson für Berry wurde jedoch der Vater des langsam heranwachsenden Steppkes. Die Mutter, stark gehbehindert, gab dem sich rasch entwickelnden stolzen Boxer Liebe und Schmuse-Einheiten, ausgehen konnte sie mit dem Hund nicht. Das Kind war oft unterwegs – zur Schule, oder zum Training und zu Wettkämpfen. Er war einer der besten Kunstturner seiner Altersklasse in Bremen, fast jeden Tag in der Woche wurde er quer durch die ganze Stadt zu den Übungseinheiten und zu den Turnieren und Leistungskursen gefahren. Berry war immer dabei, er fuhr gern im Auto, war immer gern mit seinen Leuten zusammen. Fast immer war es der Vater, der seinen Sohn kutschierte und begleitete. Er war Sozialarbeiter. Einer von der guten alten Art, wie es sie in diesen Zeiten noch gab. Immer im Dienst, immer erreichbar, immer für seine "Klienten" da: Jugendliche mit Problem-Karrieren. Und da die Mutter wegen ihrer körperlichen Handicaps sich nicht so gut um den Boxer kümmern konnte, und der Junge wegen der Schule und des Kunstturnens nur wenig Zuhause war, wurde Berry zum fast ständigen Begleiter des Vaters. In der Dienststelle, einer Außenstelle des Jugendamtes, wurde eigens für Berry eine Couch im Büro angeschafft, bei den vielen Außen-Einsätzen war Berry ständiger Begleiter, er wurde ein richtiger Therapiehund für Jugendliche aus Problemfamilien Bremens und des Bremer Umlands. Bei diesen Jugendlichen war Berry schnell bekannt wie "ein bunter Hund".


Für den inzwischen ausgewachsenen Boxer war es ein zwar turbulentes Leben, aber auch ein sehr glückliches Leben: Er war fast immer mit Ekkehard, seinem Idol, zusammen. Dienst und Freizeit entwickelten sich wegen der vielen Termine mit der Zeit zu einem schwer zu trennenden Geflecht, der Tages-Ablauf wurde immer mehr durch Stress bestimmt. Die zweite Hälfte der Siebziger Jahre brachte im Jugendamt organisatorische Verschlechterungen mit sich, Kosten-Einsparungen und Politikwechsel bewirkten Dienst-Veränderungen, die sich gegen die Interessen der Klienten von Ekkehard – den Problem-Jugendlichen – richteten. Diese Veränderungen wurden von ihm vehement bekämpft, aber es war ein Kampf gegen Windmühlenflügel, dieser Kampf war für den armen Don Quichotte, sprich Sozialarbeiter an der Front, zermürbend und letztlich nutzlos. Nur die Stressrate, die das Leben von Ekkehard sowieso auszeichnete, wurde durch die Probleme auf seiner Dienststelle bis ins Unerträgliche verstärkt. Ekkehard litt irgendwann unter chronischen Kopfschmerzen.

Dann war da auch noch der Wunsch nach einem eigenen Haus im Grünen. Zusammen mit einem Architekten wurde ein ungewöhnlich gestaltetes, behindertenfreundliches, zukunftsweisendes Haus geplant. Die Bau-Vorbereitungen brachten noch mehr Hektik und Termindruck ins Leben dieser Familie. Der Hund kam nicht zu kurz, jede freie Minute im Terminplan der Familie war die Zeit von und für Berry.

Im Sommer 1978 fuhr die Familie zum Urlaub nach Ost-Tirol ins Hochgebirge, eine augenscheinlich unbeschwerte Zeit. Wie sich erwies, auch eine Zeit ohne Kopfschmerz-Tabletten… Danach brach das turbulente Leben wieder über die Familie herein. Für den Familienvater ein zerstörerisches Leben. In der letzten Septemberwoche, an einem Sonntag, brach er zusammen. Ein Krankenwagen fuhr eine Odyssee der Unfähigkeit und der medizinischen Ignoranz zu den Aufnahmen von drei Krankenhäusern, bis endlich ein Schlaganfall mit Gehirnblutungen diagnostiziert wurde. Da war dann jedoch alles zu spät. Ekkehard fiel ins Koma. Am 04. Oktober 1978 starb er, im Alter von 35 Jahren.

Berry musste an dem Sonntag, an dem Ekkehard den Schlaganfall erlitt, in eine Tierpension gebracht werden. Als er viel später ins Haus zurückkam, suchte er nicht nach seinem Idol. Er wusste genau, dass sein Ekkehard fort war, und nie wieder zurückkommen würde…


Dies war Berry’s "erstes Leben", beendet von einem grausamen Schicksalsschlag. Und hier beginnt die eigentliche "Second-Hand-Hund" - Geschichte. Ein mittlerweile zwölfjähriger Junge hatte seinen Vater verloren. Eine auf sich allein gestellte, schwer gehbehinderte Mutter stand ohne Ehemann im Leben; wusste nicht, wie sie dieses Leben zukünftig bewältigen sollte. Und da war ein Hund, der seinen Menschen verloren hatte, dessen Leben sich dramatisch veränderte.

Mein älterer Bruder war mit der Familie gut bekannt. Man traf sich schon seit Jahren zu gemeinsamen Urlaubsaufenthalten, hielt auch sonst regen Kontakt zwischen Bremen und Berlin. So kannte ich diese Familie auch – vom Hörensagen, durch gelegentliche Telefonate. Ich war aus der Entfernung von einer gewissen Bewunderung erfüllt gewesen, über die scheinbare Leichtigkeit, mit der diese ungewöhnliche Familie ihren Lebensalltag bewältigte. Als mich die Nachricht über den Schlaganfall von Ekkehard erreichte, fuhr ich mit meinem Bruder sofort von Berlin nach Bremen. Er wollte helfen, aber sein Auto war kaputt. Deshalb fuhr ich ihn hin. Ein Jahr zuvor hatte ich die Familie ganz kurz und flüchtig persönlich kennen gelernt, nach dem Besuch eines Rock-Konzertes in der Nähe von Bremen.

In der Folge pendelte ich sehr viel zwischen Berlin und Bremen hin und her. Es gab so viel zu tun. Der Hausbau musste rück-abgewickelt werden. Es mussten unendlich viele Gänge zu Ämtern absolviert werden. Der Lebensalltag der Hinterbliebenen musste neu organisiert werden. Dazu kamen die Zukunftsängste und die Trauer. Nach längerer Zeit wurde aus der Hilfe eine Lebensgemeinschaft. Irgendwann zog ich nach Bremen um.

Berry beobachtete mich während meiner vielen Besuche nicht unfreundlich, aber allzeit etwas argwöhnisch. Nach Ekkehards Tod war aus dem lebhaften und kontaktfreudigen Hund ein ruhiger, in sich gekehrter und irgendwie unnahbarer Eigenbrödler geworden. Der früh pubertierende Sohn sah sich nach dem Tod seines Vaters in die Rolle versetzt, nun die Haupt-Bezugsperson für Berry zu sein, dies musste ihn überfordern. Zumal er selbst den Verlust von Ekkehard nur ganz schwer verarbeitete – sich mitunter von ihm im Stich gelassen fühlte. Berry kam in dieser Zeit wahrscheinlich in jeglicher Hinsicht zu kurz… Und den Verlust seines Idols fraß er buchstäblich in sich hinein.

Wir zogen im März 1981 endgültig zusammen. Zu der Zeit gab es dann ein Schlüssel-Erlebnis während eines Spaziergangs mit Berry: Wir drehten eine Runde in einem weitläufigen Parkgelände, nachdem ich von der Arbeit kam. Ich hatte noch zwei derbe Arbeitshandschuhe in der Jackentasche, die halb aus der Tasche heraushingen. Nach diesen Handschuhen schnappte Berry plötzlich, zog sie mir aus der Tasche, schüttelte sie wie ein Beutestück, und forderte mich, hin- und her tänzelnd, zum "Kampf" heraus. Diese Aktion überraschte mich zunächst. Verblüfft begann ich zaghaft, diese Herausforderung anzunehmen. Es wurde daraus eine überwältigende Rangelei, quer durch den ganzen Park, ich weiß nicht mehr wie lange. Irgendwann saßen Hund und Mensch atemlos nebeneinander irgendwo im Matsch, mit den wenigen Fetzen, die von den ledernen Arbeitshandschuhen übrig waren, aber mit einem deutlich spürbaren gegenseitigen Verständnis. Am diesem Abend war ich endlich bei Berry "gelandet". Ich konnte und wollte nie sein "Idol" ersetzen, aber ich wurde sein Freund. Dies war mehr, als ich je zu hoffen wagte. Es funktionierte zwischen uns gut in der Folgezeit. Eine gewisse Melancholie legte Berry jedoch niemals ab.

Für den Sohn wurde ich nicht Vater-Ersatz, aber zu einem älteren Freund, dies bis heute. Für die Frau wurde ich nicht Ersatz-Ehemann, aber Lebenspartner im Wortsinn. Dass Berry mich als Freund akzeptierte, macht mich bis heute stolz.

In der Folgezeit lebten Berry und ich zusammen, so intensiv, wie es meine Berufstätigkeit ermöglichte. Wir verstanden uns gut, er war aufmerksam und folgsam, man konnte aber spüren, dass es Bereiche in seiner Welt gab, in die er mich nicht lassen wollte oder konnte. Es ist müßig, darüber zu grübeln, was ihm im Vergleich zu der Zeit des Lebens mit seinem Idol fehlte. Im Jahr 1983 wurde Berry sehr krank, bei einem chirurgischen Eingriff wurde Krebs am Darm mit ausgeprägter Metastasenbildung festgestellt. Wir mussten entschließen, ihn aus der OP-Narkose heraus auf den Weg ins Land an der Regenbogenbrücke zu leiten. Berry wurde neun Jahre und neun Tage alt.


Der Verlust seines Idols war es wohl, der ihn letztlich aus diesem Dasein entriss. Wie oft sterben Mitgeschöpfe am Darmkrebs, nachdem sie großen Kummer oder schlimme Verluste in sich hinein gefressen hatten… Inzwischen haben Berry und sein Ekkehard bestimmt zusammen ihren Platz jenseits der Regenbogenbrücke gefunden.

Für mich war die Freundschaft, die Berry mir gewährte, der Beginn des Zusammenlebens mit Seniorenhunden, mit Kameraden, die nach ganz unterschiedlichen Vorgeschichten einfach nur bei ihren Menschen "landen" möchten, und ihren zweiten oder x-ten Lebensabschnitt leben und in Tierwürde beenden wollen. Ich bin Berry dafür sehr dankbar, und ich werde ihn nie vergessen.